Durch das Allgäu mit dem Rad – fast schon eine Jubiläumstour?
Ein Reisebericht zum Nachahmen

Seit 29 Jahren schon, genau genommen seit 1990, fahren Thomas Betz, Erich Buchner, Norbert Koch, Ottmar Ohse, Rolf-Hein Petri und Karlo Schwarz jedes Jahr einmal eine Radtour. Später stießen noch Bernd Holzmann und Herbert Kleber hinzu. Früher saßen wir auf den Rennrädern, inzwischen sind wir mit Trekking- oder Mountain-Bikes, hinten Packtaschen drauf, von Gasthaus zu Gasthaus mit durch eigene Muskelkraft generierten Wattzahlen unterwegs. Diesmal ist eine Allgäu-Runde dran.

1. Tag: Anfahrt und Einrollrunde von Memmingen nach Illerbeuren (ca. 30 km, ca. 200 Hm)
Nach dem obligatorischen Frühstückstreffen im Café Wäller brechen wir mit zwei Kleinbussen auf nach Memmingen. Dieses Jahr sitzen wir mit 7 Männern zwischen 46 und 72 Jahren auf den Sätteln. Wir brechen auf zu einer kleinen Spätnachmittagsrunde auf einer ehemaligen Bahntrasse zum Gromerhof in Illerbeuren, wo wir vor zwei Jahren nach der ersten Etappe fürstlich gegessen haben. Ein kleiner Imbiss dürfte diesmal nach stundenlanger Autofahrt wohl erlaubt sein.

Durch das Allgäu mit dem Rad

2.Tag: Von Memmingen nach Marktoberdorf (78 km, 717 Hm)
Am Sonntag geht es aber richtig los! Bei angenehmen Temperaturen, fast heiß, trocken, strahlend blauem Himmel fahren wir durch wunderschöne Landschaften. Alle sind begeistert. Über Ottobeuren, die prächtige Kirche der Benediktinerabtei bewundernd, geht es nach Bad Wörishofen, wo wir im Gasthaus Adler einkehren zu Käsespätzle und Kaiserschmarrn. Rainer Werner Fassbinder wurde hier geboren, Franz „Bulle“ Roth kennen sicher einige vom FC Bayern, er kommt auch von hier. Einen Ort später, Schlingen: Das Dorffest vom örtlichen Blaskapellenverein darf nicht ausgelassen werden. Ein weiteres Bier löscht kurzzeitig den Durst, während die Kapelle musizierend nur so schwitzt. Endlich liegt das Alpenpanorama von Biessenhofen aus betrachtet im Dunst vor uns. Weiter geht es an der Wertach entlang über Kaufbeuren - dort Kuchenpause - nach Marktoberdorf. Das klingt so einfach, ist es aber nicht wegen einiger heftiger, kurzer Anstiege, ungeahnt wie aus dem Nichts auftauchend, die Packtaschen kräftig auf dem Gepäckträger nach hinten ziehend. Im Blochums Gasthaus Hirsch beziehen wir nach dem ersten „ungewaschenen“ Bier unsere Zimmer.

Durch das Allgäu mit dem Rad

3. Tag: Von Marktoberdorf nach Schattwald (61 km, 810 Hm)
Leichter Nieselregen begleitet uns auf den ersten Kilometern auf Straßen und Wegen weiter in den Süden an den Forggensee. Längst haben wir die Regenjacken ausgezogen, fahren an Füssen vorbei zum Hopfensee. Mit einer giftigen Steigung vor Eisenberg geht’s weiter, dann gleich nochmal in Zell 15% bergauf. Langsam nähern wir uns 900 m ü. d. M.. Doch schon geht’s wieder runter nach Pfronten. Hier biegen wir rechts ab auf den Radweg nach Grän. Er führt uns auf wildromantischer Strecke an der Steinacher Ache entlang auf 1.138 Meter hoch ins Tannheimer Tal.

Durch das Allgäu mit dem Rad

4. Tag: Von Schattwald nach Oberstdorf (68 km, 530 Hm)
Am gestrigen Abend hat es schon angefangen zu regnen. Beim Satteln der Räder gießt es noch immer. Noch dazu wissen wir, dass es heute eine noch nie dagewesene, durchwachsene, ständig vom Regen gekennzeichnete Tour geben wird... Dicht vermummt in Regenjacken geht es runter von Schattwald nach Wertach. Die sonst so beliebte Abfahrt macht im Regen alles andere als Spaß. Auf welliger Straße bei fast gleichmäßiger Höhe geht es bis Nesselwang, dann ins Tal der Wertach. Für die Schönheit der Landschaft um uns haben wir heute keinen Sinn. Weiter fahren wir hoch nach Oy, hier eine kurze Rast vor einer Bäckerei, natürlich mit Teilchen. Zum Mittagessen müssen wir wieder steigen. Vor uns rechts liegt der Rottachsee, der heute nicht zum Baden einlädt. Endlich ist Rettenberg erreicht. Die uns bekannte Engelbräu Gaststätte hat leider Ruhetag. Aber im Brauereigasthof Adler-Post schmecken Essen und Bier genauso gut! Abwärts rollen wir nach Sonthofen, wo uns der erste (und einzige) Platten erwischt. Was sind alle froh, in Oberstdorf Gasthof Petra mitten im Ort gefunden zu haben. Da wollen wir nächtigen. Das Abendessen nehmen wir beim Wilden Männle ein. Die Bedienung nimmt unsere Einladung an, das erste Bier doch gemeinsam mit uns zu trinken und leert ihr Glas in einem Zug.

5. Tag: Von Oberstdorf nach Scheidegg (72 km, 1050 Hm)
Wunderschön, so abwechslungsreich ist das Allgäu! Grüne Wiesen dank reichlich Regen, Maisfelder mit übermannsgroßen Stängeln, Kuhweiden, kleine Wäldchen. Sehr bergig wird die Etappe werden mit abends mehr als 1050 Höhenmetern, aber dafür mit traumhaften Ausblicken. Nach Immenstadt geht es am kleinen, dann am großen Alpsee vorbei auf ruhigen Radwegen Richtung Oberstaufen. Unterwegs halten wir an einer kleinen Pizzeria, „Zur Alten Salzstraße“, lauschen und singen mit bei alten Kamellen wie „Marina, Marina, Marina“ und genießen Spaghetti Carbonara und Frutti di Mare. Warum steigen hier nicht viel mehr Radler ab? Nach giftigen Anstiegen Richtung Stiefenhofen und der traditionellen Kuchenpause sind wir recht früh am Ziel, diesmal in Scheidegg im Hotel Alpenrose. Dort ist Ruhetag, unser traditionelles „ungewaschenes Bier“ gibt es dennoch. Fürs Abendessen wird uns der Fünfländerblick, hoch auf dem Berg, empfohlen. Die gut aufgelegte Wirtsfrau und allerlei nette Worte lassen den Abend mit einer Runde Schnaps, dem „Allerletschte“, beschließen. Die fünf Länder haben wir nicht gesehen. Ob es am Schnaps lag oder an der schlechten Sicht, lasse ich an dieser Stelle offen...

Durch das Allgäu mit dem Rad

6. Tag: Von Scheidegg nach Friedrichshafen (80 km, 482 Hm)
Es zeichnen sich Tendenzen ab – Temperatur steigend, Route fallend: Es geht runter an den Bodensee, von der ausgeschilderten Radrunde Allgäu abweichend. Hinter Rothenbach der Oberen Argen folgend geht es sanft bergab, sollte man denken. Nix da: Steile bis steilste Anstiege sind dazwischen gestreut, dass es uns ja nicht zu wohl wird! Statt Teilchen gibt es heute Käsesemmel, direkt von der Käserei. Von Zech am Bodensee radeln wir über Lindau, Gohren und Langenargen. Die Radwege hier am Bodensee sind wunderschön, aber überfüllt. In Wasserburg ist Mittagessen angesagt. Das Stadthotel Kleiner Berg in Friedrichshafen ist rasch gefunden, nur ein kurzer Abendspaziergang mit Essen auf der Uferpromenade.

Durch das Allgäu mit dem Rad

7. Tag: Von Friedrichshafen nach Kißlegg (81 km, 1050 Hm)
Heute geht es erst einmal retour von Friedrichshafen bis zur Argen. Wegen Sturmschäden am Radweg müssen wir auf die Straße ausweichen. Wir befinden uns nun auf der Hopfenrunde. Hinter Oberlangnau müssen wir uns wieder in die Höhe schaffen, und schon bald treffen wir wieder auf die Radrunde Allgäu. Beim Mittagessen erfreut uns ein Storchenpaar mit seinem Balz-Geklapper in Niederwangen. Wir umrunden das Städtchen Vogt und erreichen Kißlegg, die vorletzte Übernachtung, „Zum Ochsen“. Beim abendlichen Gespräch erinnern wir uns an Abkürzungen auf unserer Route, die einmal der Hypotenuse, ein anderes Mal eher der Basis eines spitzwinkligen, gleichschenkligen Dreiecks entsprachen. Welche war kürzer? Schulwissen ist gefragt.

Durch das Allgäu mit dem Rad

8. Tag: Von Kißlegg nach Memmingen (86 km, 786 Hm)
Morgens radeln wir durch kleine Wälder mit lauschigen Seen bei Weitprechts. Immer wieder geht es vorbei an üppig grünen Wiesen, über die sich ein kleiner, junger Fuchs schleppt. Anscheinend befindet der sich auch auf seiner letzten Etappe? Wir sind indes noch topfit und radeln munter weiter. Auf Waldwegen an der Wurzacher Ach entlang landen wir schließlich wieder im für Hochzeitsfeiern beliebten Gromerhof in Illerbeuren. Nur noch wenige Kilometer! Gespickt mit den letzten steilen Anstiegen und bei sengender Hitze radeln wir zurück nach Memmingen. Im Gasthof Linderbad lassen wir uns mit Käsknödeln an Pfifferlingen und köstlichem Braten verwöhnen. Nach 552 km und 5625 Hm haben wir uns das verdient!

Schön war es dieses Jahr wieder und fast schon ein Jubiläum, wenn wir Männer uns nach 29 Jahren wie jedes Jahr einmal gemeinsam aufs Rad schwingen. Doch eines ist an diesem Abend gewiss: Das nächste Jahr kommt bestimmt, und die nächste Tour will geplant sein! 30 Jahre sitzen wir dann gemeinsam im Sattel – das wird mal ein Jubiläum! Wo es hingeht? Man weiß es nicht. Wie wär’s mit Tschechien? Oder Polen? Oder eine Kombi aus beiden? Mal sehen..., lasst euch überraschen!

Dr. Norbert Koch